Von begeisterten und streitbaren Übersetzern – zum Hieronymus-Tag

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Von begeisterten und streitbaren Übersetzern – zum Hieronymus-Tag

Der Übersetzerstreit schwelt schon seit vielen Jahren vor sich hin. Im Januar 2015 schrieben sich eine Gruppe von 33 Verlagen und der Verband deutschsprachiger Übersetzer (VdÜ) offene Briefe über das Börsenblatt. Und danach? Wie ging es eigentlich weiter im Übersetzerstreit? Im Rahmen des Internationalen Literaturfestivals in Berlin (ilb) sprach Hinrich Schmidt-Henkel über den Beruf der Literaturübersetzer – und beantwortete auch meine Fragen zu diesem Streitfall.

Am 15. September hatte ich das Vergnügen, den großartigen Übersetzer Hinrich Schmidt-Henkel im Rahmen des Internationalen Literaturfestivals in Berlin (ilb) erleben zu dürfen. In der StaBi am Potsdamer Platz berichtete er mit funkelnden Augen von der Arbeit an Übersetzungsdetails, erleuchtenden Momenten in der Bibliothek, für die er sogar den Berliner Nahverkehr in Kauf nimmt, der Entdeckung von fast in Vergessenheit geratenen Werken und anderen Glücksmomenten in seinem Beruf. Auch die Herausforderungen an die Kenntnisse der Übersetzerinnen und Übersetzer wurden thematisiert, etwa die Notwendigkeit zu wissen, „wie es in den Wohnungen riecht“ und tiefe Einblicke in die „Assoziationsräume“ der Sprachen, mit denen man arbeitet, zu haben. Seine Begeisterung war ansteckend. Eigentlich wäre der Vortrag auch etwas für den heutigen Hieronymus-Tag gewesen, dem internationalen Übersetzertag, bei dem es einerseits um die Würdigung der Arbeit von Übersetzerinnen und Übersetzern geht und gleichzeitig um die Solidarisierung mit den Übersetzenden und der Sprachkünstler_innen untereinander.

„Wo immer gesprochen, geschrieben, gelesen, ja selbst gesungen wird, hatten und haben Übersetzer ihre Hand im Spiel, und ihnen verdanken wir es, dass die ganze Welt in der eigenen Sprache aufgehoben ist. Ihre Arbeit hat die Voraussetzung für die Entwicklung von Kultur und Wissenschaft, aber auch für die Entwicklung der Volkssprachen geschaffen und nicht zuletzt für die Möglichkeiten des vereinigten Europas und der heutigen globalisierten Welt.“
(http://www.literaturuebersetzer.de/ >Internationaler Übersetzertag)

Hinrich Schmidt-Henkel verheimlichte aber auch nicht die Schattenseiten des Übersetzer-Berufs, beispielsweise die mangelnde Wertschätzung der interpretierenden und darstellerischen Leistung sowie die Ausbeutung und daraus resultierende Prekarisierung des Berufsstands.

Da kam mir der „Übersetzerstreit“ wieder in den Sinn, der im Januar 2015 kurz aber heftig in der Fachpresse aufflammte. Was bisher geschah: Schon lange diskutieren Verlage und Übersetzer_innen darüber, wie eine angemessene Bezahlung für Übersetzungsleistungen aussehen könnte. Dabei gibt es offensichtlich sehr unterschiedliche Ansichten, bei denen sich Verlage regelmäßig unterhalb der Honorare bewegen, die Übersetzer_innen vorschweben. Nach einigen Verhandlungen traten im April 2014 die Gemeinsamen Vergütungsregeln (GVR) in Kraft, die zwischen sechs Verlagen (Hanser Verlag, Frankfurter Verlagsanstalt, Hoffmann & Campe, marebuch, Schöffling und Wallstein) und dem Verband deutschsprachiger Übersetzer (VdÜ) vereinbart wurden (link zu den GVR).

Wenig überraschenderweise wurde auch in Verhandlungen mit anderen Verlagen versucht, diese Konditionen durchzusetzen. Eine Gruppe von 33 Verlagen reagierte darauf sehr pikiert und schrieb im Januar 2015 einen offenen Brief an den VdÜ. Darin wurde die Vereinbarung mit Hanser & Co als Branchenlösung abgelehnt und gleichzeitig behauptet, der VdÜ habe sich einer gemeinsamen Vergütungsregel mit den unterzeichnenden Verlagen verwehrt (nachzulesen ist der Brief hier: link). Hinrich Schmidt-Henkel, als erster Vorsitzender des VdÜ, antwortete darauf ebenfalls mit einem öffentlichen Brief im Börsenblatt (nachzulesen hier: link). Er warf den 33 Verlagen u.a. eine falsche Darstellung und ein mehrfaches Unterlaufen von BGH-Urteilen vor.

Und dann? Schweigen im Walde. Lange Zeit habe zumindest ich gar nichts mehr in dieser Sache vernommen und mich schon seit einiger Zeit gefragt, wie es weitergegangen ist und ob sich die Situation verändert hat, positiv oder negativ.

Nun hatte ich beim ilb die Gelegenheit, genau diese Fragen zu stellen und nachhaken zu können.

Hinrich Schmidt-Henkel berichtete, er habe im Anschluss an den öffentlichen Briefwechsel persönliche Schreiben an alle Verlage geschickt, die den offenen Brief unterzeichnet hatten. Einerseits um die Falschaussagen klarzustellen, andererseits um nach deren Regelungen zu fragen, die angeblich Verlage und Übersetzer zufrieden stimmten und um den Dialog aufzunehmen.

Von den 33 Verlagen haben 3 geantwortet. Und einer davon macht gar keine Übersetzungen (da fragt man sich dann auch, wieso dieser Verlag den offenen Brief mitgezeichnet hat…). Die zwei anderen Antworten kamen von Rowohlt und Piper. Hinrich Schmidt-Henkel fasste die Kernaussagen so zusammen: Bei Bestsellern werde der Übersetzeranteil halbiert (wieso eigentlich, ist es dann weniger Arbeit? Ist mir wohl entgangen) – und bei Rowohlt lege der Verlag selbst fest, was ein Bestseller ist und was nicht. Wie praktisch. Und wenn bei Piper eine bestimmte Summe für Marketingmaßnahmen ausgegeben werde, dann halbiere sich der Anteil für Übersetzer_innen. Ganz charmant auch: Rowohlt halte einige BGH Entscheidungen für verfehlt. Na dann.

Ein wenig Hoffnung gibt es wohl doch noch und die sieht Hinrich Schmidt-Henkel vor allem in der bevorstehenden Novelle des Urheberrechts, falls denn zwei Punkte darin aufgenommen werden: das Klagerecht für Verbände, das es bis dato nicht gibt (war mir gar nicht klar), und die Verbindlichkeit von Schlichtersprüchen (klingt auch wieder, als sollte es das schon längst geben). Zurzeit ist es nämlich so, dass der VdÜ nicht als Verband klagen darf und nur einige wenige Übersetzerinnen und Übersetzer das einklagen, was ihnen laut BGH zusteht. Das machen eben nicht alle; wenn man in ohnehin schon prekären Arbeitsverhältnissen steht, spart man sich die Energie vielleicht lieber fürs weitere Übersetzen auf – und eine Portion Angst, keine Folgeaufträge zu bekommen schwingt sicher auch noch mit. Laut Hinrich Schmidt-Henkel gewinnen die klagenden Übersetzer_innen sogar in der Regel – die Zahlungen in den wenigen Einzelfällen scheinen die Verlage aber immer noch weniger zu kosten als eine von vornherein fair gestaltete Bezahlung.

Ein Verleger verließ die Veranstaltung am 15.9. nach einigen Ausführungen von Hinrich Schmidt-Henkel zur Situation der Übersetzenden in deutschen Verlagen. Er versuchte noch für Verständnis zu werben, dass Verlage unter großem Druck stehen und die Margen immer kleiner würden. Daraufhin entgegnete Hinrich Schmidt-Henkel, dass für so vieles andere Geld vorhanden sei, dass er die Argumentation nicht verstehen könne: „Bevor ein Übersetzer an einem Buch verdient, haben schon viele andere daran verdient.“ Ohne die Übersetzung, allerdings, gäbe es in vielen Fällen gar nichts zu drucken und zu verkaufen.

Es ist vielleicht ein naiver Wunsch, aber es wäre doch irgendwie erfreulicher, wenn Übersetze_innen und Verlage zusammen arbeiten würden, sitzen sie doch aus etwas Distanz betrachtet eigentlich im gleichen Boot. Aber hier scheint der Druck – wie in vielen anderen Bereichen auch – immer an die Schwächeren weitergegeben zu werden. Weil so viele Absprachen und Verhandlungen geheim sind, bleibt vieles von außen sehr intransparent. Gerade hier ist ein gewisser Grad an Solidarität notwendig, um bessere Konditionen auszuhandeln und einem weiteren Preisverfall entgegenzuwirken. Da hilft eigentlich nur Organisation in Verbänden, Netzwerken und was auch immer für gearteten Interessensgemeinschaften. Als Einzelkämpfer_in lässt sich das Problem nicht lösen.

Wenn ich mich anhöre wie eine Schallplatte mit Sprung, dann liegt es einfach daran, dass das Problem immer wieder das Gleiche ist, wie zuletzt beim Treffen der Jungen Verlagsmenschen Ende Juli und beim Nachwuchstreffen des Börsenvereins letztes Wochenende deutlich wurde. Klassischerweise wird auch bei den Übersetzungen ausgenutzt, dass viele die Arbeit aus Leidenschaft machen, ganz ähnlich wie bei ausbeuterischen Verlagsvolontariaten (siehe auch Umfragebericht der Jungen Verlagsmenschen (JVM) zu den Bedingungen im Volontariat: link).

Im Fall der Übersetzerinnen und Übersetzer liegen einige Hoffnungen auf der Gesetzesnovellierung – und Hoffnung überlebt!

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