„Wenn der Wind der Veränderung weht, bauen die einen Mauern und die anderen Windmühlen.“

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Ich finde dieses chinesische Sprichwort passt auch zu unserem literarischen Feld. Am Samstag – beim Nachwuchstreffen des Börsenvereins – forderte Elisabeth Ruge in ihrer Keynote mehr „Mut zur Veränderung!“ und stellt gleich klar, dass es ihr dabei nicht um eine blauäugige Übernahme alles Neuen gehe, sondern um einen Kulturwandel hin zu mehr Offenheit, Freiheit und Zusammenarbeit.

Frau Ruge sagte ganz deutlich, dass sich die Branche zwar verändere, aber noch nicht offen genug für tiefgreifende Veränderungen sei. Anstatt das Potential der Digitalisierung zu sehen, dass sich beispielsweise in der schier unglaublichen Verbesserung des Zugangs zu Literatur und anderen Künsten (nicht nur, aber auch) für Menschen mit Sehbeeinträchtigung ergebe, verwehrten sich viele Akteurinnen und Akteure lange dem technischen Fortschritt. Sicher gebe es auch negative Seiten einiger Entwicklungen im Zusammenhang mit der Digitalisierung, aber eine stärkere Zusammenarbeit der ganzen Branche könne am Ende den Unterschied im Kampf um die Zukunft des Buchmarkts und Verlagswesens bedeutet. Wenn jede und jeder für sich alleine kämpfe, sei die Branche nur schwerlich zukunftsfähig.

Elisabeth Ruge

Elisabeth Ruge, „Mut zur Veränderung!“

Mit der Schwächung der Position von Lektorinnen und Lektoren und in diesem Zusammenhang auch der Schwächung oder Verwässerung der Verlagsprofile benannte Frau Ruge zwei große Fehler der Vergangenheit. Sie rief dazu auf, mit Mut zur Veränderung den Lektorinnen und Lektoren wieder mehr Einfluss zu verschaffen und den Ausbau technischer Abteilungen ernsthaft anzugehen. Sie argumentierte, dass aus direkterer Kommunikation mit den Zielgruppen eines Verlages auch die Erkenntnis erlangt werden könne, dass es für Publikationen jenseits des Mainstreams durchaus ein Publikum gebe, neben den Bestsellern, die das Überleben sichern. Dem Raunen, das durch das Publikum ging, konnte man entnehmen, dass bei diesem Punkt noch nicht alle mit an Bord waren. Ich kann mir schon sehr gut vorstellen, dass über digitale Wege nochmal ganz andere Zielgruppen angesprochen werden können und man auch kleinere Gruppen erreichen kann, die sonst Gefahr laufen unterzugehen (aber eben trotzdem interessierte und zahlende Kunden sein könnten). Und ich halte es für ein grundsätzliches Problem – nicht nur im Buchmakrt – dass die Menschen hinsichtlich ihrer Präferenzen und Ansprüche unterschätzt werden.

Zu guter Letzt warnte Frau Ruge, dass Veränderung kein Wert an sich sei, das Verharren in ausgetretenen Pfaden aber auch keine Alternative. Man müsse den Kern dessen finden, für das man brennt, und dieses Ziel dann mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln umsetzen. Zumindest mir ging es so, dass ich danach am liebsten aufgesprungen und an die Arbeit gegangen wäre.

Nach der Keynote hörte ich Julia Hacker und Malin Schwerdtfeger (Buchhandlung Hacker & Presting), Nikola Richter (mikrotext) und Selma Wels (binooki) zu „Der Klick zählt: Viral gehen mit Büchern“, moderiert von Annika Joscht und Kristin Munzert.

social media campagins

„Der Klick zählt: Viral gehen mit Büchern“

Die Expertinnen erzählten von ihren Social-Media-Kampagnen und deren Ergebnissen, der Wiederentdeckung von Newslettern in bestimmten Situationen und dem Verhältnis von Aufwand und Nutzen bei geplanten viralen Aktionen. Unter den Beispielen waren etwa der Literaturkurier und die Fotowettbewerbe „book face“ und „das Buch geht baden“ der Buchhandlung Hacker & Presting sowie Guerilla Marketing und #berlinliestbinooki vom Berliner binooki Verlag. Vom Vorteil wenn die Schreibenden selbst im Netz aktiv sind und ihre eigenen communities mitbringen sprach Nikola Richter von mikrotext und machte sehr neugierig auf ihre Autorinnen und Autoren. Dem gereimten Barkeeper Newsletter mit Rezepten konnte ich nicht widerstehen… Was immer wieder durchschimmerte war, dass Social-Media-Kampagnen nur schwerlich kopierbar sind, da fehlende Authentizität vom Publikum sofort abgestraft werde. So sind für unterschiedliche Akteur_innen logischerweise unterschiedliche Maßnahmen sinnvoll – und für verschiedene Zielgruppen eben auch. Während sich die Buchhändlerinnen um politische Neutralität bemühten (so etwas macht mich immer leicht nervös), griffen die beiden Verlegerinnen auf, was Frau Ruge in ihrer Keynote sagte: ein Verlag sollte für etwas stehen, anhand dessen man ihn wiedererkennen (und messen) kann.

Meine zweite Gesprächsrunde drehte sich um das Thema „Wege in die Branche: Wo geht’s lang?“ Mit dabei: Ramona Nicklaus (Ullstein; Nachwuchssprecherin), Annika Joscht (Aufbau Verlag) und Laura Sonnefeld (Edel E-Books), moderiert von Andreas Helfricht und Lisa Kopelmann. Erfreulicherweise sorgten die Moderatoren mit Fragen wie „Von welchen Illusionen musstet ihr euch verabschieden?“ dafür, dass es nicht zu einer romantisierenden Wohlfühlrunde wurde. In weiten Teilen wurde hier Klartext gesprochen, was Geld, Chancen und Selbstvermarktung betrifft, mit vielen persönlichen Geschichten und Einschätzungen sowie guten Tipps, um das Beste aus der Volontariatszeit herauszuholen. Aber es wurde auch ganz klar, dass nach wie vor in den meisten Fällen Volonatärinnen und Volontäre volle Stellen ersetzen und dabei inadäquat bezahlt werden. Besonders traurig fand ich die resignierte Aussage: man wisse ja, dass wenn man es nicht selbst mache, sofort neues „Material“ (das sagte eine der Damen wirklich) nachkomme. Um dieses Statement drehten sich auch in der Pause danach noch einige Gespräche. Das ist schon gruselig – und tatsächlich hatte ich das auch schon mal von einer Personalerin gehört (wenn auch etwas netter verpackt). Und da niemand – auch ich nicht – alleine auf der „high road“ verhungern will, ist für mich die Bedeutung der Arbeit in Interessensvertretungsgruppen nochmal deutlicher geworden. Die Jungen Verlagsmenschen und BücherFrauen hatte ich schon auf dem Schirm, das Nachwuchs-Netzwerk (#NaNe) habe ich am Wochenende entdeckt. Rechte muss man sich eben erkämpfen und dann immer wieder einfordern – und sich „nicht in sein Schicksal ergeben,“ wie es Laura Sonnefeld auf den Punkt brachte.

Das Treffen hat auf jeden Fall auch einen Beitrag dazu geleistet, in dem es uns viel Zeit zum Austauschen und Netzwerken bot – schon vor dem offiziellen Start und dann in den erfreulicherweise zahlreichen (und kulinarisch gut bestückten) Pausen. Um den Abend zu einem positiven Ende zu führen, wurde nach einem leckeren Abendessen der Büchertisch eröffnet, bei dem sich alle nach Herzenslust bedienen durften (war eine ganz neue Erfahrung für mich). Und zum krönenden Abschluss folgte eine Lesung mit der umwerfenden Lea Streisand, die uns alle zum Prusten und Glucksen brachte, bevor wir uns inspiriert und gleichzeitig nachdenklich in die kühle Herbstnacht aufmachten.

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