Willkommen.

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Willkommen.

Ich wusste lange nicht, wie ich es ausdrücken sollte – meine Wut und mein Entsetzen über die Rassisten hier in Deutschland und ganz Europa und die krassen Reise- und Lebensbedingungen derjenigen, die hier Schutz suchen. Ich weiß es ehrlich gesagt immer noch nicht. Aber dann ist mein imperfekter Versuch vielleicht weniger schlimm als stumm zu bleiben und nichts zu tun. Also habe ich mit Flüchtlingen gekocht, mit syrischen Kindern gespielt und Kleidung gespendet. Habe Leuten widersprochen, die sich als Opfer stilisieren, weil sie meinen, die Flüchtlinge würden irgendetwas erhalten, das eigentlich ihnen „zusteht“. Und jetzt möchte ich auch meinen Blog für ein klares Statement gegen Diskriminierung jeglicher Art und für ein empathisches, solidarisches Miteinander nutzen.

Nichts rechtfertigt Gewalt gegen Menschen, nichts rechtfertigt, was wir derzeit jeden Tag in den Medien sehen und hören. Nicht das Anzünden von Flüchtlingsheimen, nicht das Anpöbeln von Geflohenen.

Das „Gute“ ist, dass jede und jeder einen Beitrag leisten kann, um die Welt für alle ein kleines bisschen lebenswerter zu machen. Ein Lächeln oder freundlicher Hilfe bei der Beantwortung von Fragen, Unterstützung bei Unterbringung, Behördengängen, Ernährung oder auch Hilfe beim Deutschlernen. Durch das Willkommenheißen unserer neuen Nachbarn. Jeder kleine Beitrag hilft.

Ich habe einen bemerkenswerten Artikel von Laurie Penny gelesen (link), in dem sie auf den Punkt bringt, was eine immer fremdenfeindlicher werdende Rhetorik mit einer Gesellschaft anstellt.

“Fascism happens when a culture fracturing along social lines is encouraged to unite against a perceived external threat. It’s the terrifying “not us” that gives the false impression that there is an “us” to defend.”
Laurie Penny: “How hysteria about migrants by politicians and media is real threat to ‘our way of life’.” Stop the War Coalition 18 August 2015 (link).

Ein gemeinsamer „Feind“, schreibt sie, passt vielen etablierten Parteien – nicht nur, aber auch in Großbritannien – gerade gut ins Konzept, wenn sie sonst den Ärger der Bevölkerung durch ihre Sparmaßnahmen auf sich ziehen würden. Und Laurie kommt zu dem Schluss, dass der Verlust an Menschlichkeit, verursacht durch unsere Medien, unsere Politiker_innen und durch uns selbst, wenn wir den öffentlichen Diskurs derart ins Fremdenfeindliche abdriften lassen, die größte Bedrohung ist.

[…] the greatest threat to our “way of life”, if there has ever been such a thing on this vast and varied continent, […] is that we will swallow the public narrative that immigrants, people from non-European countries are less human than the rest of us, that they think and feel less, that they matter less.“

Ich fand diesen Artikel sehr lesenswert und empfehle ich daher allen meinen Leserinnen und Lesern weiter.

Abschließend hier noch einige Stellen, an die man sich wenden kann, wenn man helfen möchte.

  • Eine Sammlung von Projekten in ganz Deutschlang findet man auf http://wie-kann-ich-helfen.info/ – Birte Vogel steckt viel Zeit und Energie in die Pflege der Seite und könnte auch selbst gut etwas Unterstützung gebrauchen (siehe Website)
  • Etwas regionaler ausgerichtet ist das Willkommensnetzwerk „Pankow Hilft!“ (link). Auch hier finden sich viele Projekte zum Mitmachen. Da ist auch das Welcome Café dabei, bei dem Pankower gemeinsam mit ihren aus Syrien geflüchteten Nachbarn kochen und essen – kann ich aus eigener Erfahrung sehr empfehlen.
  • Besonders sympathisch finde ich die zahlreichen Buchprojekte, die einerseits dafür sorgen, dass auch die geistige Nahrung nicht zu kurz kommt und andererseits Literatur benutzt, um den Perspektiven vieler Geflohener Stimme und Raum zu geben. Hier einige Beispiele:
    • „Bücher sagen willkommen“ (link) – eine gemeinsame Initiative vom Börsenverein des deutschen Buchhandels, der Frankfurter Buchmesse und LitCam, die sich unter anderem um den Zugang zu Lese- und Lernmaterial in der Nähe von Flüchtlingsunterkünften kümmert.
    • „Berlin liest“ – im Rahmen des Literaturfestivals in Berlin lesen Berlinerinnen und Berliner literarische Texte zur Situation von Flüchtlingen und Asylsuchenden in Europa und weltweit an öffentlichen Orten und Festivalspielstätten vor (link).
    • Und schließlich öffnet sogar die Humboldt-Uni in Berlin Kurse für Geflüchtete, die sich so mit der Uni vertraut machen und so vielleicht schon mal einen Fuß in die Tür bekommen können (link)

Und da man viele gute Ideen nur mit den nötigen finanziellen Mitteln umsetzen kann, hier noch ein paar Möglichkeiten, Willkommenskultur finanziell zu unterstützen.

  • Blogger für Flüchtlinge (link) ist eine Aktion, die „nicht nur Nähe, Toleranz und Aufmerksamkeit schaffen [möchte] sondern auch Spenden sammeln für die Menschen, die aktuell vor Krieg und Hunger in unser Land fliehen und unsere Hilfe benötigen.“ Absolut unterstützenswert also. Mehr Infos zu dem Spendenaufruf und bisherigen Aktionen findet man auf der Website und unter dem Hashtag #BloggerfuerFluechtlinge.
    Auf der Website findet sich auch 26 Punkte, die beim Bloggen über die Situation der Flüchtlinge helfen sollen, einen guten Ton zu finden und respektvoll miteinander umzugehen (link).
  • Und dann gibt es natürlich noch eine Vielzahl anderer Projekte, beispielsweise auf betterplace.org – ein Besuch lohnt sich.

In den letzten Wochen habe ich von so vielen tollen Projekten und Begegnungen gelesen, dass mir zeitweise ganz warm ums Herz wurde und mein Glaube in die Menschheit zumindest teilweise wiederhergestellt wurde.

Aber das große Engagement kann auf keinen Fall ein Freibrief für die Politikerinnen und Politiker sein, die Füße hochzulegen und mal abzuwarten, wie sich das so entwickelt. Die Tage hat sich ein bisschen was bewegt, langsam kommen einige in Gang, aber viele Meldungen beschränken sich auf das Hin- und Herschieben von Verantwortung.

Eine ordentliche Einwanderungsgesetzgebung wäre doch schon mal ein guter Schritt. Flexible und kreative Ideen für Unterbringung und Verteilung auf ganz Deutschland sind ebenso notwendig. Und wenn ich schon dabei bin, dann wünsche ich mir auch gleich andere Regeln, damit Flüchtlinge hier arbeiten können und nicht dem Gras beim Wachsen zusehen müssen, während sie darauf warten, dass ihr Fall endlich untersucht wird und ihr Aufenthaltsstatus geklärt ist.

In Schweden haben einige kleine Ortschaften, die vom Aussterben bedroht sind, die vielen Menschen auf der Suche nach Schutz und einem Ort zum Aufbau eines neuen Lebens schon als Chance erkannt. Vielleicht klappt das hier ja auch noch.

Hoffnung überlebt.

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