Enthusiasmus, Arbeitskampf und Gründerzeit bei den Jungen Verlagsmenschen

Standard

Das Jahrestreffen der Jungen Verlagsmenschen stand in diesem Jahr unter dem Motto „Schöne neue Arbeitswelt“ und fand im sonnigen Frankfurt am Main statt. Aber bevor es am Samstag so richtig #andieArbeit ging, gab es die Möglichkeit, schon am Freitag bei dem ein oder anderen Kaltgetränk ins Gespräch zu kommen.

äppler  bhfdom

Der Einstieg war also schon mal gelungen, ebenso die Begrüßung am Samstag durch Dorothee Werner vom Börsenverein – in deren „Haus des Buches“ fand die Veranstaltung statt – und ihre nachdrückliche Einladung zur Mitgestaltung der Bedingungen im Buchmarkt, die sich wohl eher nicht von alleine oder durch die etablierten Akteure verändern werden.

Mitgliederversammlung

In der anschließenden Sitzung informierten der Vorstand, die Presseabteilung und einige der Städtegruppen, was sie im vergangenen Jahr unternommen und umgesetzt haben. Spannend! Schade, dass niemand die Berliner Gruppe vorgestellt hat – ich hoffe, ich lerne sie bald mal kennen.

vorstand

Der neue JVM Vorstand: Antje Katzer, Britta Fietzke, Lena Augustin, Sandra Wegner und Cigdem Aker

Ein neuer Vorstand wurde gewählt – und in den „Bewerbungsreden“ wie auch schon in den Berichten vom Vorjahr wurde deutlich, dass eine große Baustelle für die Zukunft das Thema Arbeitsbedingungen sein wird – vor allem aber nicht nur im Volontariat.

Arbeitskampf?!

Die AG Nachwuchsrechte stellte die Ergebnisse ihrer Umfrage vor, in der sie sich mit dem Einstieg in die Verlagsbranche durch Volontariate und Praktika auseinandergesetzt hat. Ein Hauptergebnis: das Niveau der Arbeit entspricht nicht dem der Bezahlung, die sich meist unter Mindestlohnniveau bewegt. Das Argument, dass ein Volontariat eine Ausbildung sei, zieht nicht, wenn man sich anschaut, was die Volontär*innen leisten. Sie bewältigen Daueraufgaben und werden in den allermeisten Fällen nicht in dem Gebiet ausgebildet (das sieht man ja auch schon an den Anforderungen, die an die Bewerber*innen gestellt werden). Den Bericht kann man sich online anschauen (link) und Dennis Schmolk aus der AG hat in seinem Blog einen Pressespiegel zum Thema zusammengestellt (link).

Es bleibt u.a. die traurige Erkenntnis, dass so viel Idealismus so schamlos ausgenutzt wird – nicht selten mit Hinweis auf die schwierige ökonomische Lage. Aber mal ganz ehrlich: das Geld ist sicher ein wichtiger Faktor, aber am Wochenende häuften sich dann vor allem auch die Geschichten über schlechte Behandlung, das Fehlen von Führungsqualitäten und Entwicklungsmöglichkeiten sowie die Abwesenheit von Wertschätzung. Hm, klang irgendwie wie damals an der Uni. Dass die Kombination von schlechtem Führungsstil und schlechter Bezahlung nicht besonders nachhaltig ist, muss ich wohl nicht extra erwähnen. Aber wieso trifft man diese Verhältnisse immer noch an, wenn doch so viele das Problem erkannt haben? Sind wir nicht alle auf der Suche nach den hochqualifizierten und enthusiastischen Mitarbeiter*innen und Kolleg*innen? Tja, scheinbar gibt es einen (bisher noch) nicht versiegenden Nachschub an hochmotivierten Buchbegeisterten, die bereit sind, das Spiel eine Weile mitzuspielen – mit welchem Ziel auch immer. Also muss man irgendwie auch an die rankommen.

In der Diskussion wurde betont, u.a. vom scheidenden Vorstand Dennis Schmolk, dass in der Veränderung der aktuellen Missstände ein großes Potential für die Jungen Verlagsmenschen liege, den Verein zu einem wichtigen Akteur in den Verhandlungen über die Arbeitsbedingungen im Buchmarkt zu machen. Erfreulich an der ganzen Sache war für mich der konstruktive Umgang mit dem Problem. Anstatt zu jammern wurden Fragen nach den nächsten Schritten gestellt. Es gibt sicher noch viel zu tun – und die JVM scheinen mir auf einem guten Weg zu sein! Die Arbeitsgruppen „Zukunft“ und „Nachwuchsrechte“ freuen sich übrigens noch über Zuwachs! (link zur JVM Website)

keynote

Marlies Hebler (Bookwire)

Nicht so neuer Wandel

In der kurzen Keynote illustrierte Marlies Hebler den technischen Wandel in der Buchbranche mit Hilfe ihres Lebenslaufs und den vielen Stationen von mittleren und kleinen Verlagen über „textures“ hin zu „Bookwire“. Ihr Anliegen, zu zeigen, dass (technischer) Wandel schon immer zur Buchbranche gehört und nicht erst seit dem Launch des kindle auf den Plan trat, kam gut rüber – nicht nur aber auch dank der wunderbaren Fotos unserer technischen Helferlein aus den 70ern bis heute.

Gründerzeit!

Im Workshop „Neues wagen – Verlagsgründungen ganz individuell“ zog Peter Köbel von michason & may (Verlag und Buchhandlung in Frankfurt, link) so manchen Zahn, ohne jedoch die Teilnehmer*innen zu entmutigen. Wir sprachen über Markttrends und -entwicklungen, Unternehmensformen und Vertriebsmodelle, Risiken und gute Projektplanung und Peter Köbel ließ viel Raum für unsere Fragen. Besonders anschaulich wurden die Tipps durch viele Beispiele aus seinem eigenen Selbständigkeitsprojekt – dem Verlag und der Buchhandlung sowie dem „Kulturkiosk“ (link) – aber auch von anderen erfolgreichen oder frisch gescheiterten Unternehmungen, wie dem Berliner binooki Verlag (link) oder dem Buchhandlungsexperiment Ocelot (link).

Wir haben gelernt, dass es sinnvoll ist, sich in einer Nische zu positionieren und nicht nur ein Ziel, sondern auch einen Plan B zu formulieren, am besten auch gleich mit einer Exit-Strategie, frei nach dem Frankfurter Sprichwort: „vorne gerührt, brennt hinten nicht an.“ Wir wurden ermahnt, die Verantwortung und Kosten (u.a. für Personal) nicht zu unterschätzen – und die Arbeitsmoral von anderen nicht zu überschätzen. Bei allen „dos und don’ts“ war es alles in allem ermutigend, dass man, wenn man betriebswirtschaftliche Grundkenntnisse mitbringt und eine gute Idee und ein Ziel hat, durchaus tolle Projekte auf die Beine stellen kann – es gibt noch Platz am Markt. Und ob am Ende dann die Selbstverwirklichung das Sicherheitsbedürfnis schlägt, ist schlussendlich auch eine Typfrage.

Bleibt nur zu hoffen, dass dann nicht folgendes Urteil fällt

streetart

impro

Improtheater mit KurzFormChaos

Improvisation & Planung

Nach so vielen Informationen und Gesprächen versprach das Improtheater der Gruppe KurzFormChaos (link) heitere Abwechslung. Ich habe davor großen Respekt. Es ist bestimmt nicht ohne, (wirre) Impulse vom Publikum aufzunehmen und dann spontan etwas Kreatives und Unterhaltsames daraus zu basteln. Für mich war es eine lustige Erfahrung – nicht zuletzt das Buchtitelratenscharade.

Das wunderbare Orga-Team musste hingegen nichts dem Zufall überlassen! Von der Begrüßung über die Programmpunkte bis hin zur Verabschiedung wirkte alles reibungslos, es gab wahnsinnig tolles Essen, viele Möglichkeiten, sich mit den anderen auszutauschen und ein abwechslungsreiches Programm – ich war und bin begeistert. Und das nicht nur, weil ich beim Fotowettbewerb um das „JVM Job-Model“ gar nicht so schlecht abgeschnitten habe. Da ich nicht sicher bin, ob ich die anderen lustigen Fotos hier verlinken darf, empfehle ich einen Blick auf die facebook-Seite der JMV (link).

Auf zu neuen Ufern

Ganz beschwingt von den vielen inspirierenden Gesprächen und Begegnungen mache ich mich jetzt also auf zum nächsten Projekt! Mehr dazu in Kürze auf experilente.de

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