„Vom Wert des Wortes“

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Was ist uns das geschrieben Wort wert und was die Arbeit der vielen Akteur*innen dahinter? Diese grundsätzliche Frage treibt nicht nur Journalist*innen im Online-Segment um. Am Mittwoch drehte sich der Abend bei den BücherFrauen – dieses Mal im Grünen Salon – um dieses Thema.

Die Gäste Denise Sudau, freie Lektorin und Mitgründerin der e-ditio-Plattform, und Patricia Holland Moritz, Autorin und Verlagsmitarbeiterin, diskutierten nach ihren Kurzvorträgen mit der Moderatorin und Verlagsberaterin Yvonne de Andrés.

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Im ersten Vortrag stellte Denise Sudau die noch recht neue Dienstleistungsplattform e-ditio vor (link). Dort können Autor*innen und Verlage beispielsweise nach Lektor*innen und Übersetzer*innen für ihre Projekte suchen – und finden. Die Dienstleister*innen hinterlegen in ihren Profilen ihre Spezialisierungen und Honorarvorstellungen, bezahlt wird über eine Art pay pal System. Zu den Kunden gehören auch einige kleine Verlage, die Lektorat und Übersetzung outsourcen müssen bzw. sich dafür entschieden haben. Bisher sind bereits etwa 200 geprüfte Freiberufler*innen aus Deutschland, Frankreich und dem UK registriert, da die Plattform erst seit Anfang 2015 existiert, durchaus beachtlich.

Neben dem Vermittlungsservice vergibt e-ditio ein Qualitätssiegel, für das sechs festgelegte Kriterien erfüllt sein müssen. Eins davon hat mit der Präsenz der Autor*innen, also ihrem Selbstmarketing zu tun. Die Hoffnung ist, Qualitätsstandards für ePublishing zu etablieren und so dessen Image zu verbessern – und lesbarere Texte zu produzieren, die wiederum ‚wertvoller‘ sind und ihren Schöpfer*innen mehr Geld einbringen.

Einen Blog gibt es bei e-ditio auch (link) und es könnte spannend werden, die weiteren Entwicklungen zu beobachten.

BF gr Salon PHMDen zweiten Programmpunkt des Abends füllte Patricia Holland Moritz mit ihren erfrischenden Geschichten. Sie hat zunächst im Selbstverlag über Books-on-Demand (BOD, link) und dann bei zwei unabhängigen Verlagen, nämlich fhl Leipzig (link) und dem Gmeiner Verlag (link), Geschichten und Romane veröffentlicht. Sie sprudelte nur so vor Ideen und Ratschlägen in puncto Selbstvermarktung und riet immer wieder dazu, den Wert der eigenen Arbeit anzuerkennen, gegebenenfalls Hemmungen zu überwinden und die eigenen Werke in die Welt hinauszutragen. Sie betonte die Wichtigkeit von Netzwerken – in ihrem Fall zum Beispiel die „Mörderischen Schwestern“ (link) – und einer Onlinepräsenz. Dabei sei es wichtig, zu nehmen und zu geben, also auch viel zu teilen und andere angemessen zu erwähnen. Patricia Holland Moritz erzählte von ihren Erfolgserlebnissen mit selbstorganisierten Lesungen, ihrem Blog (link) und ihrer Facebook-Seite (link) sowie ihrem Experiment mit Literaturfilmen auf youtube (link). Sie ermunterte Autor*innen sich den Wert der eigenen Arbeit immer wieder bewusst zu machen – und nicht nur was das Schreiben angeht. Bei Lesungen solle man nicht als ‚Bittstellerin‘ auftreten sondern sich bewusst machen, dass der Buchladen oder andere Betreiber des Veranstaltungsorts auch etwas davon haben. Mut zu Experimenten und Mut zur Nutzung verschiedener Kanäle bei der Selbstvermarktung – das gab sie uns mit auf den Weg. Nach diesem quirligen Vortrag ging es glaube ich nicht nur mir so, am liebsten gleich loslegen zu wollen.

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Insgesamt drehte sich der Abend also insbesondere um Fragen, wie man sich am besten selbst vermarktet, auffindbar macht etc. Infrage gestellt wurde die steigende Präsenz und die expandierenden Anforderungen an Autor*innen nicht. Das wird mittlerweile wohl als gegeben hingenommen. Und wenn man nicht gerade Ali Smith ist, kann man es sich wohl – insbesondere am Anfang – auch nicht anders leisten.

Ratschläge zur eigenen Wertschätzung und -steigerung umfassten beispielsweise die Anmeldung bei Interessensvertretungen und Vereinen wie der VG Wort und der Aufruf, die eigene Arbeit auch als Arbeit zu sehen und zu schätzen (auch die vermeintlich weniger produktiven Ideenfindungs- und -Verwerfungsphasen), nicht herunterzuspielen sondern sich angemessen zu positionieren und entlohnen zu lassen. Hier gab es auch nochmal Informationen zum Bezahlsystem bei e-ditio, das ähnlich wie pay pal funktioniert und je nach Vereinbarung auch Zwischenzahlungen ermöglicht, was gerade bei langfristigen Projekten sinnvoll und dienstleisterfreundlich erscheint.

Im Zuge der Diskussionen über die Wertschätzung von Arbeit mit Texten frage ich mich seit einer Weile, wieso Lektor*innen nur in den seltensten Fällen in den Publikationen genannt werden. Und ich vermute mal stark, dass außerhalb unserer vergleichsweise kleinen Gemeinschaft nicht viele wissen, was Lektor*innen überhaupt machen. Also wie kann man etwas wertschätzen, wenn man nicht weiß, worin die Arbeit besteht (und wie ein Text vor dem Lektorat mal aussah)? Da verstehe ich schon, wenn es mit der Wertschätzung nicht so weit her ist.

Drei Antworten habe ich an dem Abend für die Nicht-Nennung bekommen:

  • es ist nicht verpflichtend;
  • da Autor*innen nicht verpflichtet sind, die Anmerkungen aus dem Lektorat umzusetzen, könnten Leser*innen bei schrägen Formulierungen o.ä. denken, es sie die ‚Schuld‘ der Lektor*innen;
  • einige Autor*innen möchten vielleicht nicht zugeben, dass sie Hilfe hatten…

Naja, so richtig überzeugend finde ich das nicht.

Einige Autorinnen nennen ihre Lektor*innen immerhin in den Danksagungen, weil sie wissen, was sie an ihnen haben.

Jetzt könnte man sagen, dass diejenigen, die die Lektor*innen bezahlen, sehr wohl wissen. worin der Wert der Arbeit an den Texten besteht. Stimmt. Aber das ist nur eine Minderheit und wenn es aber darum geht im öffentlichen Bewusstsein eine Veränderung zu bewirken, ist Information nun mal ein wichtiger Faktor.

Sicher gibt es nicht nur eine sinnvolle Maßnahme um mehr Wertschätzung für Texte und Textarbeit zu erreichen. Aber es müssen vor allem auch möglichst viele Menschen involviert werden, sonst wird man keine Veränderung der Kultur herbeiführen.

Am BücherFrauen-Abend wurde besprochen, was jede*r individuell tun kann in Hinblick auf (Selbst-)Bewusstsein für die eigene Arbeit und Selbstvermarktung. Aber wie man einen größer angelegten Kulturwandel umsetzen oder beschleunigen kann, blieb offen.

Wenn jemand also Ideen hat, wie man die Wertschätzung für Texte und Textarbeit auf breiter Ebene verbessern kann, dann immer her damit. Vielleicht kommen wir dem Ziel mit einer bunten Mischung von Maßnahmen am ehesten näher – wenn möglichst viele mitmachen und an einem Strang ziehen.

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Eine Antwort »

  1. Wie man die Wertschätzung für Textarbeit verbessern kann? Nun, Verbände wie der Lektorenverband VFLL oder sicherlich auch die BücherFrauen setzen sich beständig dafür ein 😉 – etwa per Öffentlichkeitsarbeit. Ein VFLL-Flyer heißt dann auch passenderweise „Wertarbeit am Text“ (siehe http://www.vfll.de/downloads/). Von diesem Einsatz profitieren natürlich auch alle Mitglieder.

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