„Alles bleibt anders“ im Tieranatomisches Theater Berlin

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„Alles bleibt anders“ im Tieranatomisches Theater Berlin

Eine Email zu den Sonderschließzeiten des Tieranatomische Theaters in Berlin-Mitte hat mich wieder daran erinnert, dass ein halbfertiger Artikel über eine der letzten Ausstellungen dort noch in meiner elektronischen Schublade schlummert. Aufgewacht! Dann nutze ich die Schließzeit einfach, um die folgende schöne Ausstellung nochmal aufleben zu lassen: „Alles bleibt anders. Eine Ausstellung zu Kulturtechniken im Digitalen“.

Nachdem ich das versteckte Tieranatomische Theater damals hinter diversen Baustellen und Campusgebäuden entdeckt hatte, durfte ich mich auf eine wirklich charmante Ausstellung in einem ganz besonderen Ambiente freuen. Wo früher ein Lastenaufzug für Pferde und andere Tiere, die vor Studierenden seziert wurden, stand, konnte man sich bis Mitte März über Kulturtechniken im Wandel der Zeit informieren.

Modell des Tieranatomischen Theaters

Modell des Tieranatomischen Theaters

Aber was sind denn überhaupt „Kulturtechniken“? Folgende Erklärung empfing die Besucher*innen gleich am Eingang:

„Der Mensch kopiert, spielt, überwacht, kodiert, archiviert, stellt sich dar und protestiert schon immer – aber immer in gewandelter Form. Diese basalen Kulturtechniken verändern sich abhängig von Raum und Medium in ihrer Ausführung.

Und den Veränderungen, die (bisher) durch die fortschreitende Digitalisierung entstanden sind, wollte die Ausstellung nachspüren. Die Idee dazu hatten die drei Studierenden der Kulturwissenschaften Sarah K. Becker, Arkadij Koscheew, Mona Wischhoff. Für das Konzept und ihre Ausstellung gewannen sie den Hochschulwettbewerb „Mehr als Bits und Bytes – Nachwuchswissenschaftler kommunizieren ihre Arbeit“ (link) zum Thema „Die digitale Gesellschaft“ im Wissenschaftsjahr 2014 (link).

Die Besucher*innen konnten die Ausstellung frei erkunden, eine vorgegebene Reihenfolge gab es nicht. Mich hat auch gleich angesprochen, dass man zwölf kreativ gestaltete Infoblätter entdecken und mitnehmen konnte. Das hat gleich meinen Jagd- und Sammeltrieb angesprochen – sicher auch eine ganz wichtige Kulturpraktik.

ausrüstung

Ausrüstung zum Sammeln und Kommentieren

Die Ausstellungsobjekte waren zu den folgenden sieben Schwerpunktclustern gruppiert und auf Konstruktionen aus Kartons zusammengetragen, die in gewisser Weise die Wandelbarkeit und das Temporäre wiedergespiegelt haben, aber auch ein lustiger Kontrast zum Digitalen und teilweise Hochtechnischen darstellten:

  • Kopieren
  • Überwachen
  • Spielen
  • Selbstrepräsentieren
  • Kodieren
  • Protestieren & Informieren
  • Archivieren

Mir hat besonders gut gefallen, dass die Themen mit einem Mix aus Text, Filmen, Objekten und Illustrationen veranschaulicht wurden. Als Hauptbeispiel für das Ausweichen auf unterschiedliche Medien im Falle von Zensur dienen beispielsweise Aktionen rund um „occupy Gezi“ – die Flugblätter der „Weißen Rose“ fehlen aber auch nicht. Und Video- und Toninstallationen waren gerade wenn es um kreative Musikneuschöpfungen oder Videospiele ging natürlich wunderbar ‚anschaulich‘. Die Displays waren mit viel Liebe gestaltet – beispielsweise der Bereich zum geistigen Eigentum und dem Verhältnis von Original und Kopie, oder die Vergleiche verschiedener Kriegsspiele vom frühen 19. Jahrhundert bis heute – und es gab viel zu entdecken. Als angenehm habe ich außerdem empfunden, dass die Texte nicht so ermüdend lang waren sondern kurz und knackig auf den Punkt kamen und nicht überheblich wirkten. Da habe ich schon ganz andere Ausstellungserfahrungen hinter mir.

display selbstrepräsentationpinguin u kastenspiele

Besonders gefallen hat mir der differenzierte Umgang mit Fragen zu ‚Original‘ und ‚Kopie‘. Aby Warburgs Bilderatlas (einfach mal nach „Mnemosyne“ suchen) bietet einen Einstieg in diesen Themencluster und eine Vielzahl von Beispielen – auch aus der Musik – verdeutlicht die Komplexität solcher Fragen. „Talent borrows, genius steals,“ wird Oscar Wilde schließlich zitiert und ein kurzer Exkurs zur Entstehung des Urheberrechts im 18./19. Jahrhundert eingeschlagen. Und wenn man an heutige Kopierverfahren denkt und die (nahezu) verlustfreie Herstellung von Kopien durch Digitalisierungstechniken, kommen einem die Aufpreise für Kassetten- und VHS-Rohlinge in den 1980ern und drumherum endlos lange her vor. Aber ich bin sicher nicht die Einzige, die ein wenig wehmütig an die liebevoll zusammengebastelten mix tapes zurückdachte, die Zeit vor dem Radio mit dem Rekorder im Anschlag und die nervigen Moderator*innen, die immer wieder zu früh losquatschen mussten… Aber nun genug Vergangenheitsgeschwelge! Schließlich ging es auch um die Gegenwart und da durfte der 3D-Druck nicht fehlen. Hier hoben die Aussteller*innen besonders hervor, dass durch neue Verfahren nicht nur Kopien von Gegenständen hergestellt werden, sondern dass so auch neue Möglichkeiten der Verknüpfungen entstehen, die wiederum in innovativen Kreationen münden können. Exciting stuff.

Im Bereich „Spielen“ war ich überrascht, dass es gar nicht um Bedürfnis von Menschen zu spielen ging, sondern eher die Instrumentalisierung von Spielen veranschaulicht wurde – hier am Beispiel von Kriegsspielen im Laufe der Zeit. Die Beispiele reichen von der Heranführung von Kindern und Jugendlichen an den Krieg (schön nach Geschlecht getrennt, ist ja klar) bis hin zu einer subversiven Aktion gegen ein vom Pentagon zu Marketingzwecken entwickeltes Kriegsspiel (Joseph de Lappe, dead-in-iraq, 2006-2011 (link).

Die Ausstellung ermöglichte ihren Besucher*innen auch ein gewisses Maß an Interaktion. So konnte man an bestimmten Stellen Feedback und Fragen hinterlassen oder auch eigene „Aha-Effekte“ für die Nachwelt dokumentieren. Schreibmaschine und Scanner/Kopierer standen bereit für Experimente zum geistigen Eigentum und einige Menschen haben die Kommentierungsmöglichkeiten auch genutzt.

geistiges eigentumZur Ausstellung gibt es auch eine Facebook Seite – mit immerhin 180 „likes“ – auf der kurze Videos und Links zu den Themen der Sammlung angeschaut werden können. Besonders charmant fand ich die Fotos mit persönlichen Statements, Erläuterungen und weiterführenden Infos, z.B. auf die Europe Code Week, interessanten Artikeln z.B. zu künstlerischen Auseinandersetzung mit dem Vorgehen gegen Protestierende rund um den Gezi-Park vor 2 Jahren (link) und Links wie beispielsweise zur Initiative „Recht auf Remix“ (link).

Natürlich muss man bei begrenztem Platz und Umfang immer selektiv vorgehen und so wird die oder der ein oder andere Neugierige vielleicht etwas vermisst haben. Bei mir war es beispielsweise das Dokumentieren und Geschichtenerzählen in nicht-schriftlicher Form, wie etwa durch die Fotografie und ihren erstaunlichen Wandel in den letzten 60 Jahren. Oder beim Archivieren, da kamen Museen und Bibliotheken (außer in Hinweisen auf ihre Fragilität, Stichworte Alexandria und Weimar) vergleichsweise kurz. Ich fand es manchmal ein bisschen schade, dass die Auswahl nicht thematisiert bzw. kommentiert wurde. Und so schön und leser*innenfreundlich kurze Texte auch sind, manchmal hat mir einfach was gefehlt.

Alles in allem fand ich die Ausstellung sehr anschaulich und anregend. Manche Erklärungen kamen für mich wie gesagt ein bisschen zu kurz und anfangs war ich ein wenig enttäuscht, dass die kritische Auseinandersetzung mit den Exponaten und beschriebenen Prozessen eher oberflächlich blieb, vielleicht bleiben musste. Aber andererseits hat die wohl notwendige Beschränkung auf wenige Ausstellungsstücke und Beispiele bei mir viele Gedanken angestoßen und eine Menge Redebedarf ausgelöst. Somit war es dann auch besonders nett, dass man kleine Erinnerungen an die verschiedenen Themen mitnehmen konnte, um sie an anderer Stelle wieder aufzugreifen. Eine Ausstellung, die so etwas schafft, finde ich bemerkenswert.

Weitere Informationen:

  • Website des Projekts (link)
  • Facebook Seite des Projekts (link) (mit einem Video und Fotos aus der Ausstellung)
  • Pressemitteilung der HU (link)
  • Hochschulwettbewerb „Mehr als Bits und Bytes – Nachwuchswissenschaftler kommunizieren ihre Arbeit“ (link) im Rahmen des Wissenschaftsjahres 2014: Die digitale Gesellschaft (link) (gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gemeinsam mit Wissenschaft im Dialog (WiD))
  • Link zum Tieranatomischen Theater – auch sonst eine Reise wert (link)
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