Wunderbare Entdeckung: die schreib:maschine in der Neuköllner Oper

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Science Slam und Surf Poeten kannte ich schon, aber gestern war mein erstes Mal bei der schreib:maschine in der Neuköllner Oper. Hier stellen angehende und etablierte TexterInnen und KomponistInnen ihre neuesten deutschen Musicalexperimente vor – in durchaus unterschiedlichen Stadien auf dem Weg auf die große Bühne. So kann man wunderbar Entwicklungen beobachten und auch die besonderen Stücke entdecken, die es trotz guter Geschichten und Melodien vielleicht nicht an die ganz großen Häuser schaffen. Und eventuell finde nur ich das bemerkenswert, aber es finde es echt entspannend, nicht immer im Hinterkopf zu überlegen, wie das wohl im Original hieß, wenn mal wieder eine Übersetzung schief rüberkommt (und ja, das ist bei mir vielleicht ein bisschen zwanghaft). Vier neue Produktionen durfte ich am Montag kennenlernen – und jede hatte ihren eigenen Charme.

alice

„Alice“

Den Anfang machte eine junge Gruppe aus Kassel mit fünf Stücken aus „Alice“, ihrer Adaption von „Alice im Wunderland“. Die Motive und mehrstimmigen Arrangements waren interessant und oft ungewöhnlich – im positiven Sinne! An manchen Stellen profitieren die Texte und die Musik aber sicher noch von der ein oder anderen Überarbeitungsrunde. Meine Neugier hat es schon mal geweckt, besonders danach, wie sie die Geschichte zu ihrer eigenen machen wollen. Mir hätte es persönlich gut gefallen, wenn sie noch etwas ausführlicher erklärt hätten, was an ihrer Perspektive und ihrer Umsetzung das Besondere ist. Aber das Stück ist ja auch noch in einem frühen Stadium.

Dass unheimlich viel der Wirkung der vorgestellten Stücke von der Darbietung der Sängerinnen und Sänger abhängt, wurde im Laufe des Abends sehr deutlich. Da rettete doch die ein oder andere nahezu perfekte Gesangseinlage die Show und tröstete über eher flache und vorhersehbare Texte und Melodien hinweg…

kartenspiel

„Kartenspiel“

Besonders viele Identifikationsmöglichkeiten – nicht nur für die üblichen Verdächtigen im Musical-Publikum – bot das Collagestück „Kartenspiel“, das junge Menschen portraitiert, die auf der Suche nach sich selbst ihre Erfüllung in Musik und Kunst finden. Während mich die ein oder andere Melodie und Wendung schon sehr an gut bekannte Mucial-Formeln erinnerte, fand ich es trotzdem handwerklich so toll (hammer mehrstimmige Arrangements), so wunderbar vorgetragen (z.B. von Carolina Walker – zum niederknien) und die Texte so gelungen, dass ich es am Ende stimmig und überzeugend fand. Und ein Happy End können doch alle unsere geplagten Künstlerseelen vertragen, egal ob sie in der Musik, im Tanz, der (bildenden) Kunst oder schreibend unterwegs sind.

zzaun

„Zzaun!“

Nach der Pause ging es zum Brüllen komisch weiter mit „Zzaun!“, einem Musical, das laut eigener Aussage die Frage bejaht, ob man einen abgebrochenen Gartenzaunpfahl mit der Zerstörung der Menschheit beantworten kann. Vielleicht wenn man eine Mutti wie Walburga hat. Jedenfalls stellt es die Beziehung von Roland und Felix und auch die Beziehungen zu ihren Nachbarn in der Reihenhaussiedlung auf eine harte Probe.

Die Texte brachten das Publikum zum Grölen, teilweise Marke „reim Dich oder ich f…ress Dich“ und eher vorhersehbar; aber lustig war es allemal. Besonders herzergreifend auch Felix, der seine rosarote Weltsicht verteidigt und gender-Stereotype infrage stellt. Musikalisch gefiel mir vor allem der Abwechslungsreichtum und einige Kniffe, wie z.B. die gegenläufigen Bewegungen, die dazu führen, dass Textstellen wie „unerkannte Höhen“ auf den tiefsten Tönen landen. Dieses Stück hatte für mich die beste Einleitung und Präsentation des Abends. Tilmann von Blomberg ließ seinen ganzen Charme sprühen und allein um ihn wiederzusehen, lohnt sich der Besuch des skurrilen Musicals bestimmt. Am 5. Mai 2015 versucht das Team von Zzaun! übrigens die Jury beim CREATORS-Musicalwettbewerb in Schmidts Tivoli in Hamburg zu überzeugen (link).

Und nun, zu guter Letzt, holte mich ein Stück Vergangenheit ein: ein Stück Wetzlar in Berlin. Einerseits in Form von „Lotte“, das auf Goethes „Die Leiden des Jungen Werther“ basiert und Wetzlar seit jeher heimsucht. Und andererseits in Form vom Christoph Drewitz, einem ‚alten‘ Bekannten und Regisseur des Stücks. Eine nette Überraschung.

lotte sänger

„Lotte“

Das Stück „Lotte“ ist ein Auftragswerk für die Wetzlarer Festspiele und hat Premiere am 10. Juli (link). Es ist – im Gegensatz zur Romanvorlage – rund um Lottes Perspektive aufgebaut und scheint anzudeuten, dass das mit dem Selbstmord bloß ein Missverständnis war und er gar nicht stattgefunden hat. Macht schon mal neugierig. Verliebt habe ich mich aber in den Komponisten und Pianisten, Marian Lux. Ich finde es nun mal unheimlich attraktiv, wenn jemand so mit Leib und Seele in einer Sache aufgeht – herrlich anzusehen.

Auch bei „Lotte“ scheinen einige wohlerprobte Musical-Formeln durch, aber die vorgestellten Stücke waren gleichzeitig durchsetzt von musikalischen Überraschungen, plötzlichem Innehalten und unerwarteten Wendungen. Mein Interesse ist geweckt. Und die Geschichte einer Person zwischen zwei Geliebten und einer zwischenzeitlich sehr gut funktionierenden Dreiecksbeziehung ist einfach zeitlos und – soweit man das nach vier Songs sagen kann – bewegend umgesetzt.

applaus

schreib:maschinen-applaus

Nach dem Abend heißt es für alle nochmal ran an den Speck, zurück zur Textarbeit und zum Werkeln an der Musik und zur Umsetzung des Feedbacks, das einige im Anschluss an die Darbietungen von den versammelten Expertinnen und Experten eingeholt haben. Die Möglichkeit dazu und das muntere Netzwerken im gemütlich ausklingenden Abend sind noch zwei weitere nette Seiten der schreib:maschine.

Alles in allem ein gelungener Abend. Wie gesagt konnte man einige bekannte Muster wiedererkennen, aber es war auch schön zu sehen, dass dies dank guter Umsetzung der Freude keinen Abbruch tut und es trotz allem auch immer wieder wunderbare Überraschungen gibt. Ich habe mich prächtig unterhalten gefühlt und freue mich über die Entdeckung dieses Formats (ja, ich weiß, das gibt es schon länger, aber für mich isses neu). Die Ausschnitte und Geschichten drumherum haben offenbar nicht nur mir Lust gemacht auf mehr und ich finde es toll, dass deutschsprachige Musicals hier eine Experimentierplattform gefunden haben und so positiv aufgenommen werden.

 

Weitere Infos:

schreib:maschine in der Neuköllner Oper

  • link zur Neuköllner Oper
  • link zur Website der schreib:maschine bei der Deutschen Musical Akademie
  • link zur facebook Seite der schreib:maschine

Alice

  • Musik, Text, Buch: Tamara Bodden
  • link zu Studio Lev V.i.G. in Kassel

Kartenspiel

  • Musik, Buch: Nicolai Schwab
  • Text: Nicolai Schwab, Carolina Walker

 Zzaun!

  • Musik, Text: Alexander Kuchinka
  • Buch: Tilmann von Blomberg
  • Im Web (link) und am 5. Mai 2015 in Schmidts TIVOLI (Hamburg) beim CREATORS Musicalwettbewerb (link)

Lotte

  • Text: Kevin Schröder
  • Buch: Kevin Schröder (basierend auf Goethes „Die Leiden des Jungen Werther“)
  • Musik: Marian Lux
  • Premiere am 10. Juli 2015 in Wetzlar (link)

 

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