Wer die Wahl hat – und was dahinter steckt

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Ich bin auf zwei Artikel aus Deutschland und Großbritannien gestoßen, die jeder auf seiner Weise Veränderungen im Buchmarkt durch eCommerce bzw. ePublishing thematisieren – und ihre eigenen Entscheidungen in diesem Kontext erläutern.

Der erste Artikel stammt vom Blog Seitengeflüster und beschreibt „Was man als kleiner Verlag so alles mit dem Buchhandel erlebt.“ (link)

Am Beispiel des Seitenstraßen Verlags erklären die Blogger, dass die Anteile, die Amazon und klassische Buchhändler vom Buchverkaufspreis erhalten, gar nicht so weit auseinanderliegen bzw. identisch sind. Aber: während Amazon die Bücher des kleinen Verlags sichtbar platzierte und auf Lager vorhielt, sahen sich einige stationäre Buchhändler nicht imstande, die Bücher des Verlags im Laden auszustellen, wo sie von Leserinnen und Lesern gefunden werden könnten. Im Artikel finden sich einige konkrete Beispiele. Die Autoren stellen klar, dass Sie Amazon nicht für einen altruistischen „Wohltäter“ halten, wollen aber den „Moralbonus der Buchhändler“ hinterfragen.

Für mich war der Artikel eine willkommene und erfreulich konkrete Wortmeldung zum Thema Buchmarkt, besonders auch im Kontext von anderen Beiträgen zu Konsumentenmacht. Denn die Amazon-Verteufelung ist nun mal sehr salonfähig und es hält sich hartnäckig das Bild, dass es für alle an der Produktion beteiligten besser ist, wenn man als Leser*in die Bücher im Buchladen um die Ecke kauft. Wer wie viel an welchem Buch verdient ist dabei eher intransparent. Ich halte die Position der Blogger für gut nachvollziehbar, insbesondere den Punkt, dass die Bücher für potentielle Leser*innen sichtbar sein müssen. Und wenn nur Amazon die Bücher des Verlags gleichwertig neben allen anderen Büchern platziert und dabei denselben Anteil am Verkaufspreis verlangt (bei deutlich höherer Reichweite), wieso sollte sich ein Unternehmen dann nicht dafür entscheiden?

Mir ist durchaus bewusst, dass eine Marktkonzentration, wie wir sie haben, höchst problematisch sein kann, weil dadurch beispielsweise langfristig ein ungesunder Einfluss auf Produktion und Zugang entstehen kann. Wenn es allerdings bei der Entscheidung für den Vertrieb über den lokalen Buchhandel nur einen idealistischen Mehrwert gibt, dann stimmt was nicht.

Die Wortmeldung auf Seitengeflüster ist nicht unbemerkt geblieben; mittlerweile haben die Blogger sogar eine Auswertung der Reaktionen auf ihren Beitrag ins Netz gestellt (link). Zufrieden stellen sie fest:

Wir wollten tatsächlich mal das Schwarz-Weiß-Schema in den Medien – Amazon pfui, lokaler Buchhandel hui – mit ein paar mehr Facetten versehen. Wie es scheint, war es nicht ganz vergeblich.

Der zweite Artikel stammt von Harry Bingham, einem britischen Autor, der in “Why authors walk away from good, big 5 publishers” (link) schildert, welche Optionen zeitgenössische Autor*innen beim Veröffentlichen haben und wie sich die Wahlmöglichkeiten aus seiner Perspektive in den letzten 15 Jahren verändert haben. Die „big 5“ sind die fünf Verlage, die mit ihren Marktanteil den britischen Buchmarkt dominieren (laut Telegraph Penguin Random House, Macmillan, HarperCollins, Hachette sowie Simon & Schuster).

Bingham beschreibt auch die Entwicklung hin zu mehr ePublishing und eCommerce und behauptet, die großen, durch eBooks erzielten Gewinne – insbesondere auch bei älteren Titeln – hätten die Verluste aus dem Print-Geschäft mehr als nur aufgewogen. Glaubt man Bingham, fahren Verlage mehr Gewinne ein denn je. Das fällt mir wiederum ein wenig schwer zu glauben, so ganz ohne Beweise seinerseits.

Sein Hauptpunkt ist aber ein anderer: er nutzt die Publikationsgeschichte seiner Krimireihe als Beispiel dafür, dass einige Verlage noch nicht das Beste aus der Vielfalt an Optionen herausholen. Sein Vorschlag, seine noch unetablierte Krimireihe erst als eBook zu publizieren und dann später, nachdem die Leser*innen ‚angefixt‘ wurden, auch auf höhere Preissegmente und hochwertigere Formate umzusteigen, wurde nicht umgesetzt. Einer der Gründe war angeblich die undurchlässige Struktur bei Random House, deren Imprints nach Formaten differenziert aufgestellt sind.

Im Folgenden beschreibt Bingham seine ersten Gehversuche im elektronischen Selbstverlag und vermutet, dass noch mehr Kreative den etablierten Verlagen den Rücken kehren werden. Zumindest hofft er auf ein durchlässigeres System. Mir gefällt dabei sein pragmatischer Ansatz, der immer die Art des Buches, die Zielgruppe und das Interesse der Autor*innen in den Mittelpunkt der Entscheidung rückt, wie ein Buch verlegt werden soll.

This new era of publishing is one where authors have a meaningful choice. What that choice is will depend on the author, the territory, the genre, and multiple other issues which will vary across every different situation.

Seine Hoffnung ist, dass Verlage Autor*innen in Zukunft besser behandeln, weil Autor*innen mehr Wahlmöglichkeiten denn je haben, wie sie ihre Werke veröffentlichen möchten. Vielleicht stammt sein Beispiel auch nicht ganz zufällig aus dem Krimi-Bereich – ich könnte mir vorstellen, dass die einflussreichsten Bewertungsinstanzen bei diesem Genre noch eher bereit sind, auch eBooks als vollwertige Bücher zu betrachten. Für andere Bereiche habe ich zumindest in Deutschland den Eindruck, dass eBooks immer noch abschätziger bewertet und erst dann ernst genommen werden, wenn sie von einem ‚richtigen‘ Verlag publiziert wurden.

Bingham jedenfalls sieht in Publikationswegen jenseits der traditionellen Verlage aufregende und vielversprechende Alternativen.

Mich haben beide Artikel angesprochen, auch wenn ich nicht jeden Punkt uneingeschränkt unterschreiben würde. Ich fand es spannend, mehr über die Beweggründe hinter den jeweiligen Entscheidungen zu erfahren und die Alternativen aus Sicht des deutschen Verlags und des britischen Autors nachzuvollziehen. Meiner Meinung nach haben beide Beiträge gezeigt, warum man sich für oder gegen einen etablierten Akteur mit viel Marktmacht entscheiden kann, jenseits von einem wenig weiterführenden schwarz-weiß Denken.

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